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DIE WELT 28.04.12

Sie hüpfen, singen, tanzen im Hotel - und das mindestens drei Stunden am Tag. Berliner Schauspieler bieten Ferien-Theaterworkshops für Kinder an - mit wachsendem Erfolg.
Von Miriam Hollstein

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Der Urlaub? Ein Kinderspiel

Sie hüpfen, singen, tanzen im Hotel - und das mindestens drei Stunden am Tag. Berliner Schauspieler bieten Ferien-Theaterworkshops für Kinder an - mit wachsendem Erfolg Von Miriam Hollstein

Julius ist ein Wiederholungstäter. Der 13-jährige Schüler aus Berlin steht im großen Saal des "Hotels Rosenhof" im österreichischen Kleinwalsertal und verwandelt sich. Mal streckt der große Junge mit dem wilden Haarschopf seinen Bauch nach vorn und gibt einen "schwangeren Mann". Dann sinkt er in sich zusammen und wird zu einem listigen Alten, der sich gegen die Respektlosigkeit eines Jungen zur Wehr setzt. Die Zuschauer, sieben Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren, sind hingerissen von seinem Spiel. Dann sind sie selbst an der Reihe. Vor einem Jahr hat Julius einen bösen Grafen gespielt. Auch diesmal wird er gemeinsam mit den anderen Kindern eine Woche lang proben und improvisieren. Am Ende hat die Truppe, die erst hier zusammengefunden hat, gemeinsam ein Stück erarbeitet, das dann im Hotel zur "Welturaufführung" gelangt.

"Theater im Urlaub" heißt das Projekt, das die Berliner Schauspielerin Katharina Ingwersen (34) gemeinsam mit zwei Freunden 2006 gegründet hat. Im Jahr zuvor hatte sie ein IT-Berater aus Bonn nach einer "Minna von Barnhelm"-Aufführung angesprochen. Seine zehnjährige Tochter würde so gern im gemeinsamen Urlaub einen Theaterkurs machen. Ob Ingwersen weiterhelfen könne? Sie konnte nicht, fand die Idee aber so gut, dass sie sich mit dem IT-Berater und einer befreundeten Theaterpädagogin ein Konzept ausdachte und den Verein "Theater im Urlaub" gründete. Seither bietet dieser Kindertheaterworkshops in verschiedenen Ferienhotels an.
Dabei wollen die Macher nicht den Förderstress, den viele der Kinder schon im Alltag erleben, im Urlaub fortsetzen. "Wir wollen keine kleinen Schauspieler aus den Kindern machen oder sie auf Castingshows vorbereiten", sagt Katharina Ingwersen. Die Kinder sollen sich vielmehr "zwanglos und spielerisch" ausprobieren können. Ohne Leistungsdruck, ohne viel Auswendiglernen. Und dennoch mit genügend Disziplin und Professionalität, um am Ende ein kleines Theaterstück auf die Bühne zu bringen.
Wie diese Mischung möglich wird, zeigt sich bei den Proben. Drei Stunden sind es täglich. In dieser Zeit haben die Kinder für das überwältigende Bergpanorama des Kleinwalsertals keinen Blick; sie sind ganz auf ihre innere Welt konzentriert. Unter Anleitung von Ingwersen und ihrer Schauspielkollegin Sylke Hannasky treten sie jeweils zu zweit nacheinander auf die Bühne und verharren in "Standbildern", die sie sich ausgedacht haben. Ein Händeklatschen, dann beginnen die Standbilder zu leben. Eine Gärtnerin streitet mit einem Erdmännchen; eine Mutter versucht, ihren faulen Sohn zum Aufstehen zu bewegen; eine Ärztin hält einen Patienten davon ab, die Zimmerpflanze aufzuessen. Am Ende haben alle Kinder eine kleine Improvisation hinbekommen, ganz nebenbei, ohne es zu merken. Zwischendurch wird diskutiert, was zu einem Theaterstück gehört. "Eine Bühne", sagt ein Mädchen. "Mut", findet ein Junge. "Und wenn man ihn verliert?", will Katharina Ingwersen wissen. "Dann muss man ihn suchen und wiederfinden", antwortet er.
Urlaub vom Ich - die Werbeplattitüde vieler Reiseunternehmer wird beim Theaterworkshop für die Kinder zum echten Erlebnis. Ein paar Stunden lang können sie sich von den Rollen lösen, die sie in Familie oder Schule haben, können sich neu erfinden. Begeistert sind die Kinder alle. Das zeigt auch die hohe "Rückfallquote": Von den acht Kindern des "Rosenhof"-Workshops waren schon vier in früheren Kursen dabei. Ein Erfolg, der auch in der Branche anerkannt wird: So wurden die Veranstalter für ihre Idee gerade von der Reisezeitschrift "Geo Saison" ausgezeichnet (Kategorie "Reisen mit Kindern"). Auf den "Rosenhof" sind sie über den Familienurlaubs-Veranstalter Vamos gekommen. Dort war man sofort angetan von dem Projekt. Es entspricht dem Konzept von Vamos, Familien im Urlaub die Möglichkeit zu geben, sich gleichzeitig mit- und voneinander zu erholen. Für die mitreisenden Eltern sind die täglichen drei Probestunde im doppelten Sinn geschenkte Zeit, denn der Workshop ist im Preis inklusive.
Im "Rosenhof" haben die Theaterfrauen aus Berlin einen idealen Ort für ihr Projekt gefunden. Das von Vater und Tochter betriebene Hotel, das über 51 Zimmer und Suiten in sechs verschiedenen Häusern verfügt, legt großen Wert auf eine familiäre Atmosphäre. Mit Kinderbetreuung, Abenteuerspielplatz und Kinderbuffet ist es auf Familien eingestellt. Im Gegensatz zu anderen Familienhotels sind aber auch kinderlose Gäste sowie - in einigen Zimmern - Hunde willkommen. Das Nebeneinander funktioniert erstaunlich gut, was nicht nur an mehreren geräumigen Speisesälen, sondern auch an einigen Hotelregeln liegt. So ist die Sauna für Kinder unter zwölf bis auf einen Tag in der Woche tabu, der Speisesaal ab abends halb neun den Großen vorbehalten. Dann holt eine Kinderbetreuerin die Kleineren singend für eine Sandmann-Geschichte ab. So kommt es, dass zu den vielen Stammgästen des "Rosenhofs" nicht nur Familien, sondern auch kinderlose Paare und Hundebesitzer zählen.
Julius ist mit seinen Großeltern schon das siebte Mal da. Tagsüber wandert er mit ihnen, nachmittags spielt er Theater. Schon nach drei Tagen sind die Theater-Kinder eine eingeschworene Gruppe geworden. Treffen sie sich bei den Familienwanderungen, die das Hotel anbietet, tuscheln sie geheimnisvoll und schicken Eltern und Großeltern weg. Manchmal sind sie schon am frühen Nachmittag im Probesaal verschwunden. Um "zu üben". Das Ergebnis wird am letzten Tag vor allen Hotelgästen präsentiert. Als Premiere und Derniere in einem. Diesmal ist es "Die Geschichte vom dicken fetten Glück" geworden. Mit ein paar Requisiten haben Katharina Ingwersen und ihre Kollegin im Rosensaal eine Kleinkunstbühne gezaubert, haben in einer kleinen Nachtaktion ein Stück mit allen Wunschrollen geschrieben. Das sorgt für einige hübsche surreale Momente. Die Hauptfigur des Stücks ist das Glück persönlich, das mit bunten Zöpfen und einem Erdmännchen als Begleiter über die Erde streift, um die Menschen froh zu machen. Dabei begegnet es gestressten Eltern, einsamen Mädchen und einem notgelandeten Astronauten. Konzentriert und leidenschaftlich bieten die Kinder "ihr" Stück dar, nehmen huldvoll den Applaus entgegen.
Hinterher gibt es eine kleine Premierenparty mit Sekt für die Großen und Saft für die Kleinen. Während Schauspieler und Publikum noch feiern, hat der sechsjährige Vincent, das Erdmännchen, seine ganz persönliche Antwort darauf gefunden, was Glück bedeutet: "Hier dabei sein zu dürfen."
Die nächsten Kurse mit Theater im Urlaub finden im Mai, Juni und Juli im "Familienhotel Bad Ratzes" in Südtirol sowie im Juli und August im "Hotel Rosenhof" in Österreich statt, buchbar bei Vamos Eltern-Kind-Reisen, Tel. 0511/ 400 79 90, www.vamos-reisen.de.

Für Berliner Kinder von sieben bis 12 Jahren gibt es in den Sommerferien einen Kurs in der Hauptstadt (ohne Hotelaufenthalt), www.theater-im-urlaub.de.

Die Reise wurde unterstützt von Vamos Eltern-Kind-Reisen.

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